Da lässt man sich einmal ein Kleeblatt tätowieren und wiegt dank dieser Schwermetalle in Tätowierfarben gleich 4 Kilo mehr, oder was? Der Begriff „Schwermetall“ verwirrt dabei mehr als er wirklich erklärt. Entscheidend ist nicht, ob ein Element als „schwer“ gilt, sondern in welcher chemischen Form, Konzentration und Bioverfügbarkeit es vorliegt. NEIN, wir sind jetzt natürlich KEIN Ernährungswissenschaftler, Nutrition- oder Medfluencer, die diese Headline gerne mal auf ihren Social-Media Bühnen nutzen, ABER >>
Wer über Tätowierfarben und Tattoo-Gesundheit recherchiert und liest, stößt früher oder später auf den Begriff „Schwermetalle“ in bunten Körpern. In der öffentlichen Wahrnehmung ist dies fast automatisch mit „giftig“ gleichgesetzt. Genau hier beginnt jedoch das Problem, denn der Begriff ist zwar ordentlich Clickbait-geeignet aber wissenschaftlich unscharf und toxikologisch wenig hilfreich.
Im Kontext von Tätowierungen muss daher vorab schonmal klar zwischen zwei Kategorien unterschieden werden. Toxikologisch relevante Schwermetalle ohne biologische Funktion und essenzielle Spurenmetalle. Letztere benötigt der menschliche Organismus in geringen Mengen übrigens auch ohne Tattoo, damit er funktioniert.
Diese Unterscheidung ist nicht nur für die Bewertung von Tätowierfarben relevant, sondern auch aus ernährungsphysiologischer Sicht.
Elemente wie Eisen, Zink oder Kupfer sind für den Körper lebensnotwendig und werden täglich über die Nahrung aufgenommen. In Tattoo-Pigmenten können diese Metalle ebenfalls vorkommen. Allerdings in einer teils anderen chemischen Form. Hier vor allen Dingen fest gebunden, schwer löslich und biologisch kaum verfügbar.
ABER Schwermetalle sind in Tätowierfarben meist keine gezielt eingesetzten Inhaltsstoffe, sondern treten als Verunreinigungen auf. Ihre Anwesenheit ist aus toxikologischer und regulatorischer Sicht daher teils problematisch.
Sie erfüllen keinerlei funktionale Aufgabe und und stehen in direktem Widerspruch zu den Prinzipien der REACH-Verordnung, die unnötige, potenziell schädliche Stoffe klar limitieren will. Allerdings auch auf viel Glaube und theoretischen Berechnungen!!
Wünschenswert wäre natürlich, wenn jede Pigment-Formulierung bei der Herstellung die maximal mögliche Reinheit anstrebt. Ein modernes Produktionsverfahren erlaubt zumindest schonmal eine deutliche Reduktion solcher Verunreinigungen.
Leider ist der weltweite Tattoo- und PMU-Markt für die wenigen großen Pigment-Hersteller zu mickrig als dass hier mal einer „gesunde“ Pigmente anstreben wollen würde.
Gleichzeitig muss man aber auch einordnen, dass die Konzentrationen in den meisten professionellen Tätowierfarben sehr gering sind. Studien und Analysen zeigen, dass die typischen Gehalte von Schwermetallen wie Blei, Chrom oder Nickel in hochwertigen Inks in der Regel weit unter den toxikologisch relevanten Schwellen liegen.
Dazu kann man zum Vergleich gerne mal in die Grenzwertliste seiner heimischen Trinkwasserleitung gucken und staunen.
Ein akutes Risiko für die Gesundheit der Tattoo-Trägerin und -Trägers besteht daher nach aktuellem Stand der Tattoo-Forschung nicht, was viele Mythen über „giftige Tattoos“ erstmal klar relativiert.
Aber wir sprechen hier auch nur von der europäischen Profi-Tattoo-Branche und nicht vom Schmuddel-Stecher an der Bordsteinkante.
Metall ist nicht gleich Metall, sondern die Chemie macht den Unterschied
Die toxikologische Bewertung eines Metalls hängt maßgeblich von seiner chemischen Spezies ab. Ein klassisches Beispiel, wenn wir beim eingangs erwähnten grünen Kleeblatt bleiben, ist Chrom (Cr).
Während dreiwertiges Chrom als essentielles Spurenmetall relativ stabil und wenig problematisch ist, gilt Chrom(VI) als hochreaktiv, giftig, allergen und krebserregend und das Kleeblatt wäre lustiger Weise dunkelrot. Die Oxidationsstufen machen also gravierende Unterschiede.
Wie unterschiedlich und farbenfroh Chrom sein kann, hat übrigens Frau Dr. Caroline Sage auf der Webseite der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. (GDCh) mal aufgelistet. Gerne mal lesen – lohnt sich!
Ähnlich verhält es sich bei Kupfer oder Eisen. In Tätowierfarben liegen diese Metalle typischerweise nicht als freie Ionen vor, sondern sind Bestandteil hochstabiler Pigment-Strukturen.
Ein weiteres prominentes Beispiel ist das Kupferphthalocyanin, oder in der Tattoo-Society besser bekannt als das zu Unrecht gescholtene C.I. 74160, Pigment Blue 15 (zur Erinnerung: Tätowierfarbenverbot & Save the Pigments).
Das darin enthaltene Kupfer ist fest in einer makrozyklischen Struktur eingebunden und wird unter physiologischen Bedingungen praktisch nicht freigesetzt.
Gleiches gilt für Eisenoxide, die seit Jahrzehnten als farbstabile und gut verträgliche Pigmente eingesetzt werden.
Die entscheidende Frage für die Schwermetall-in-Tattoo-Schwurbler lautet daher nicht: „Ist ein Metall enthalten?“, sondern vielmehr: „Ist es mobil, löslich und biologisch verfügbar und ist es gar ein Spurenmetall?“
Es kommt eben auf die Art, Form und Menge an und nicht auf das Wort „Schwermetall“!!
Welche Metalle in Tätowierfarben tatsächlich eher unproblematisch sind
In modernen, REACH-konformen Tätowierfarben mit anorganischen Pigmenten finden sich vor allem solche Metallverbindungen, die eine hohe chemische Stabilität aufweisen. Eisenoxide liefern robuste Schwarz-, Rot- und Brauntöne und zeichnen sich durch eine extrem geringe Löslichkeit aus.
Titan wird als IV-wertiges Oxid bzw. als Titandioxid (TiO2) als Pigment-weiß eingesetzt und gilt da wo es steckt (Dermis) als wenig reaktionsfreudig. Kupferhaltige Pigmente wie Phthalocyanine sind derweil wegen ihrer Farbbrillanz und Stabilität weit verbreitet.
Auch III-wertiges Chrom kann in bestimmten Grün-Pigmenten vorkommen. Entscheidend ist hierbei, dass es sich nicht um die toxische sechswertige Form handelt. In der korrekten chemischen Einbindung sind diese Pigmente toxikologisch unauffällig und seit Jahren etabliert.
Diese Stoffe erfüllen dabei wichtige Funktionen. Sie sorgen für Farbtreue, Lichtbeständigkeit und eine geringe Reaktivität im Gewebe. Zumindest muss hier noch viel geforscht werden.
Ohne sie wären Tattoos mit anorganischen Pigmenten jedenfalls deutlich weniger stabil und könnten unter Umständen sogar stärker zu unerwünschten Reaktionen und Nebenwirkungen neigen.
Verbotene und toxische Metalle in Tätowierfarben als Risikofaktoren
Dem zuvor erwähnten stehen Metalle gegenüber, die in Tätowierfarben möglichst nichts oder besser nichts mehr zu suchen haben. Dazu zählen insbesondere Blei, Cadmium, Quecksilber und Arsen, ff..
Guckt man sich diese Liste mal vor 30 Jahren oder vor REACH an, könnte einem echt Angst und Bange werden. Diese Elemente besitzen keine funktionelle Rolle mehr in modernen Pigmenten und sind aufgrund ihrer toxischen Eigenschaften klar reguliert oder vollständig verboten.
Cadmium wurde früher von verschiedenen Künstler-Metiers für leuchtende Gelb- und Rottöne verwendet. Heute ist es jedoch wegen seiner krebserregenden Wirkung in dieser Verbindung nicht mehr zulässig. Wir nehmen es im Alltag leider meist noch über unsere Nahrung auf (Kaffee, Kakao, Spinat, ff.)
Quecksilberhaltige Pigmente wie Zinnoberrot gehören ebenfalls der Vergangenheit an. Blei und Arsen treten allenfalls noch als unerwünschte Verunreinigungen auf und unterliegen strengen Grenzwerten.
Das verpönte Nickel nimmt dabei tatsächlich eine Sonderstellung ein. Es ist eines der häufigsten Kontaktallergene und kann in Spuren technisch teils kaum vollständig vermieden werden.
Genau deshalb sind die zulässigen Grenzwerte extrem niedrig angesetzt und selbst wenn es in Tätowierfarben gar nicht vorkommt, muss der Hinweis „kann Spuren von Nickel enthalten“ auf der Flasche stehen. Aber dazu machen wir nochmal einen gesonderten Beitrag.
Warum europäische Tätowierfarben heute sicherer sind als je zuvor
Mit der europäischen Chemikalien-Verordnung REACH wurde der regulatorische Rahmen für Tätowierfarben deutlich verschärft. Seit Inkrafttreten der entsprechenden Beschränkungen über die Tattoo-REACH gelten seit 2022 in Europa die bis dato strengsten Grenzwerte weltweit.
Toxische Metalle werden entweder vollständig verboten oder auf Konzentrationen im Bereich von Mikrogramm pro Kilogramm bzw. Parts per Million (ppm) begrenzt.
Zusätzlich wurden zahlreiche potenziell problematische organische Pigmente reguliert. Hersteller sind seither verpflichtet, ihre Produkte umfassend zu dokumentieren und Sicherheitsdaten bereitzustellen.
Das Ergebnis müsste eindeutig sein. Moderne und getreue REACH-konforme Tätowierfarben weisen eine signifikant reduzierte Belastung mit toxischen Metallen auf. Tattoo-Ink-Schlingel findet man natürlich immer mal wieder und dann vor allen Dingen auf der RAPEX bzw. Safety Gate.
Was bei der Tattooentfernung mittels Laser beim Schwermetall relevant ist
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Wechselwirkung zwischen Pigment-Chemie ausgelöst durch die physikalische Laser-Energie. Die häufige Annahme, dass metallhaltige Pigmente aufgrund ihrer Stabilität grundsätzlich unproblematisch sind, muss im Kontext der Lasertherapie differenziert betrachtet werden.
Unter den extremen physikalischen Bedingungen eines Laserimpulses, insbesondere bei Q-switched Nano- und Pikosekunden-Lasern, kommt es zu einem raschen Energieeintrag, lokaler Überhitzung und Fragmentation der in der Dermis eingelagerten Tattoo-Pigmente.
Dabei entstehen nicht nur kleinere Partikelfragmente, sondern auch hochreaktive Oberflächen und Nano-Strukturen, deren chemisches Verhalten sich deutlich vom ursprünglichen Pigment-Material unterscheiden kann. Genau hier gewinnen Oxidations- und Redoxprozesse an Bedeutung.
Eisenoxide können unter diesen Bedingungen als Beispiel in Redoxzyklen zwischen Fe(II) und Fe(III) übergehen. Solche Prozesse sind aus der Bio-Chemie bekannt und können Fenton-ähnliche Reaktionen begünstigen, bei denen reaktive Sauerstoffspezies (ROS) entstehen.
Diese freien Radikale sind in der Lage, Zellstrukturen zu schädigen und lokale Entzündungsreaktionen zu verstärken.
Auch das oft in Tätowierfarben beigemischte Pigment-weiss Titandioxid (TiO2) ist dabei weniger inert, als oft angenommen wird. Unter energiereicher Laser-Bestrahlung könnte es als Photokatalysator wirken. Entscheidend sind hier Faktoren wie Kristallstruktur, Partikelgröße und Oberflächenzustand.
Damit verschiebt sich die vorherige toxikologische Bewertung per Laser-Impuls. Während Metalloxide im ursprünglichen Zustand als stabil gelten, können sie im fragmentierten oder vom Laser aktivierten Zustand temporär eine erhöhte chemische Reaktivität aufweisen.
Diese Effekte sind lokal begrenzt, aber klinisch relevant. Insbesondere im Kontext von Entzündungsreaktionen und Gewebestress nach der Laserbehandlung zur Tattooentfernung.
Risiken und Nebenwirkungen sind dabei nicht exklusiv an Schwermetalle und den Einfluss von UV- und Laserlicht gebunden, sondern betreffen das gesamte Pigment- und zugehöriges Periodensystem.
Das bedeutet nun im Finale, dass die pauschale Angst vor „Schwermetallen“ in Tätowierfarben viel zu kurz greift. Entscheidend ist vielmehr die jeweilige chemische Struktur des gesamten Pigmentsystems.
Daher ist das Thema Pigmentologie auch so wichtig und viel zu unterschätzt! Aber da muss auch noch wirklich viel dran geforscht werden.
Unser Fazit lautet daher, lieber differenzieren anstatt pauschal zu urteilen
Die Diskussion um Schwermetalle in Tätowierfarben ist geprägt von Vereinfachungen und vielen Missverständnissen. Nicht jedes Metall ist gefährlich, und nicht jede metallfreie Tätowierfarbe wäre automatisch sicherer, wenn es die überhaupt wirklich geben würde.
Entscheidend sind chemische Bindung, Löslichkeit und mal wieder die Dosis, die ja bekanntlich einen Stoff zum Gift werden lässt.
Moderne Tätowierfarben und ihre Pigmente enthalten gezielt ausgewählte, stabile Metallverbindungen, die seit Jahren als sicher gelten und bisher teils nicht vermieden werden können.
Zumindest auf der Ebene, wie sie auf dem Weltmarkt eingekauft und in Tätowierfarben und Permanent Make-up Mitteln verwendet werden. Nicht alles ist hier „Medical-Grade“.
Gleichzeitig muss man dazu auch bedenken, dass Schwer-/Metalle verschiedenste Ursprünge in Tätowierfarben haben können. Ob durch ihre mineralische Herkunft oder chemische Synthese bis hin zur Qualität des verwendeten Wassers oder Trägerflüssigkeiten. Selbst die Verpackungen oder Tattoo-Werkzeuge/ Nadeln können mitursächlich sein.
Um es mit den leidenschaftlichen Worten von Gennaro Gattuso zu sagen: „Sometimes may be good, sometimes may be shi*!„, so gibt es mal gute und mal schlechte Chargen.
Dabei sorgen strenge regulatorische Vorgaben in der EU dafür, dass toxische Metalle auf ein Minimum reduziert werden sollten.
Das Thema Pigmentologie und die hier zugehörige feinjustierte Formulierung von Tattoo Inks (oder wie Michl Dirks sie nennt: Hightech Dispersionen) ist allerdings riesig und in unserem bunten Bereich der Hautverzierung im Verhältnis gut, doch noch sehr wenig erforscht.
Wer also in seinem TikTok- oder Insta-Reel heutzutage zutraulich über Schwermetalle in Tattoos, Lymphknoten und Co. schwadronieren will, sollte sachlich besser bewerten und konkret differenzieren.
Alles andere ist altes Eisen.
Hinweis: Wir können das Thema Pigment-Chemie mit unserem Tattoo-Wissen hier nur oberflächlich ankratzen. Wer tiefer in die Tattoo & Pigmentforschung eintauchen und auf dem neuesten Stand der Erkenntnisse zur Tattoo-Gesundheit bleiben möchte, dem empfehlen wir von Herzen unsere European Society of Tattoo and Pigment Research (ESTPresearch) und seine Experten und Wissenschaftler.
