Ein rotes Tattoo, dass den ganzen Körper verändert – Fall-Bericht

Ein rotes Tattoo, dass den ganzen Körper verändert – Fall-Bericht

Chronische Hautreaktionen auf Tätowierungen sind immer noch selten, können aber extrem belastend sein. Besonders dann, wenn sie wie im hier vorliegenden Fall-Bericht aus Breslau (Polen) nicht nur die Haut, sondern den ganzen Körper betreffen und sogar Haare, Schweißdrüsen und die Haut-Pigmentierung zerstören. Der hier zusammengefasste Fall zeigt, wie eine rote Tätowierfarbe eine Kette schwerer immunologischer Reaktionen ausgelöst hat und warum Aufklärung und Vorsicht nicht nur bei Red-Ink Tattoos so wichtig sind.

Tattoos gelten für viele als persönliche Kunst, doch die wenigsten denken dabei an potenziell lebensverändernde Komplikationen. In diesem seltenen Fall aus Polen entwickelte ein 36-jähriger Mann nach einem Tattoo mit roter Tinte nicht nur eine schwere Hautentzündung, sondern im weiteren Verlauf auch vollständigen Haarausfall, fehlendes Schwitzen und großflächige weiße Hautflecken (Vitiligo).

​Dieser Extremfall zeigt, wie heftig der Körper auf bestimmte Tattoo-Pigmente reagieren kann und warum gerade rote Tätowierfarbe dabei immer noch als besonders risikoreich gilt. Der Beitrag richtet sich an Tattoo-Interessierte und Betroffene und erklärt in (hoffentlich) verständlicher Sprache (sonst fragt gerne nach), was passiert ist und worauf man achten sollte.

Der Mann (Kaukasier) ließ sich im Sommer 2020 ein Tattoo, unter anderem mit roter Tätowierfarbe, auf dem rechten Unterarm stechen. Etwa vier Monate später begannen starke Hautprobleme.

Heftiger Juckreiz, schuppende Haut und rötliche Knötchen. Zunächst an den Unterarmen und Brust. Später dann am gesamten Körper.

​Mit der Zeit verschmolzen die Herde zu einer nahezu vollflächigen Rötung und Entzündung der Haut. Einer sogenannten Erythrodermie, also Entzündung fast der gesamten Körperoberfläche.

Zusätzlich traten zeitweise Verdickungen an Händen und Füßen sowie Nagelveränderungen auf, was den Alltag des Patienten massiv beeinträchtigte.

​Der Mann musste mehrfach in verschiedenen Kliniken stationär behandelt werden. Unter anderem in der Dermatologie, Inneren Medizin und Hämatologie, weil zunächst auch ernsthafte Bluterkrankungen oder andere Hautkrankheiten ausgeschlossen werden mussten.

Wer den sehr umfangreichen Case-Report aus Polen von November 2025 mal komplett im Original in Clinics and Practice lesen und Patienten-Bilder sehen möchte, findet ihn hier:

Erythrodermie, Alopezie, Anhidrose und Vitiligo als Komplikationen einer Tätowierung mit roter Tinte – Ein Fallbericht

Mateuszczyk MK, et al. Erythroderma, Alopecia, Anhidrosis, and Vitiligo as Complications of a Red Ink Tattoo – A Case Report. Clinics and Practice. 2025; 15(12):224. https://doi.org/10.3390/clinpract15120224

Im Verlauf kam es zu weiteren, sehr schweren Folgen, die weit über „normale“ Tattoo-Reaktionen bzw. -Komplikationen hinausgehen.

​Zunächst entwickelte der Patient eine Alopecia universalis, also einen vollständigen Verlust der Körper- und Kopfhaare. ​

Kurz darauf trat Hypohidrose (reduziertes Schwitzen > Hyper.. ist zu viel Schwitzen) auf, die sich innerhalb weniger Monate zu einer kompletten Anhidrose (gar kein Schwitzen mehr) entwickelte.

Später kamen großflächige weiße Hautflecken hinzu, die als Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) diagnostiziert wurden und etwa 30% der Körperoberfläche betrafen.

​Diese Kombination aus dazu kommender Erythrodermie (Rötung > Erythem der gesamten Haut), totalem Haarausfall, fehlendem Schwitzen und Vitiligo in Verbindung mit einer Tätowierung ist in der medizinischen Literatur bislang praktisch einzigartig.

Der Mann konnte kaum körperlich arbeiten oder Sport treiben, da das fehlende Schwitzen echt gefährlich ist sein Risiko für einen Hitzschlag stark erhöhte.

Um die Ursache der Beschwerden zu verstehen, wurden zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, darunter Hautbiopsien, Laboruntersuchungen, Bildgebung und Allergietests.

​Histologisch (unter dem Mikroskop) zeigten Hautproben zunächst ein ekzematöses Bild. Also passend zu einem allergischen Kontaktekzem.

​Eine Lymphknotenbiopsie ergab eine sogenannte dermatopathische Lymphadenopathie. Eine Vergrößerung der Lymphknoten, wie man sie bei ausgeprägten Hautentzündungen sehen und teils auch fühlen kann.

​Patch-Tests (Allergietests auf der Haut) zeigten eine Überempfindlichkeit vom Typ-IV-Allergie (Spättyp) gegenüber Kaliumdichromat, Formaldehyd-Mischungen und Duftstoffmixturen, die in Tätowierfarben vorkommen können.

​Später wurden noch Biopsien von Hautregionen entnommen, um die Schweißdrüsen zu beurteilen. Dabei zeigte sich, dass die ekkrinen (nach außen absondernd) Schweißdrüsen stark reduziert, teilweise zerstört und durch narbige (fibrotische) Veränderungen ersetzt waren.

Das erklärt, warum das Schwitzen selbst unter intensiver Therapie nicht zurückkehrte und diese sogenannte Anhidrose wahrscheinlich weitgehend dauerhaft ist.

Rote Tattoo-Farbe ist seit Jahren dafür bekannt, häufiger Probleme zu machen als andere Tattoo-Inks. Sie kann allergische bzw. nicht-infektiöse Hautreaktionen von früh bis spät, Ekzeme, Knötchen, granulomatöse Reaktionen und sogar systemische Reaktionen auslösen.

​Früher enthielten rote Tätowierfarben oft Pigmente aus Metallen wie Quecksilber, Cadmium oder Arsen, die toxisch und teilweise krebserregend sein können. So begründen zumindest die Ärzte laut Fall-Bericht. Ob Polen 2020 eine eigene Tätowiermittelverordnung hatte müssten wir mal recherchieren. Aber ohne genaue Markennennung der Tattoo-Ink ist das eh zwecklos.

Erst seit 2022 gelten in der EU die strengeren Regeln nach der Tattoo-REACH Verordnung, die bestimmte gefährliche Substanzen in Tätowierfarben verbieten und/oder stark einschränken (sollen).

Der hier beschriebene Patient ließ sich das Tattoo 2020 stechen. Also noch bevor diese strengeren REACH Vorgaben in Kraft traten, sodass die verwendete Tätowierfarbe möglicherweise heute verbotene Bestandteile enthalten haben könnte.

Eine direkte Analyse der benutzten Tätowierfarbe war allerdings nicht möglich, weil die Verpackung oder eine Probe der Tattoo-Tinte nicht mehr verfügbar gewesen sein soll.

Anmerkung: Auf Abb. 3 A & B im Case-Report (Vorsicht – nix für sensible Gemüter) kann man oberhalb der Skalpell-Exzision einen weiteren roten Tattoobereich sehen, der anscheinend nicht betroffen war. Sehr schade, dass hier nicht tiefer recherchiert wurde, um welche Tätowierfarbe (Marke) und potenzielle Inhaltsstoffe es sich gehandelt haben könnte.

Die Behandlung eines solchen Falls ist sicherlich komplex und langwierig. Zunächst erhielt der Patient verschiedene systemische Therapien. Darunter orale Kortikosteroide, Cyclosporin, Methotrexat und Acitretin, die jeweils leider nur vorübergehende Verbesserungen brachten.

​Nachdem klar war, dass eine Allergie auf Bestandteile der roten Pigmente besteht, wurde empfohlen, die betroffenen Tattoo-Anteile operativ zu entfernen.

Zwischen November 2021 und Juni 2022 wurden in mehreren Operationen die roten, entzündeten Tattoo-Fragmente am Unterarm vollständig exzidiert (herausgeschnitten – Fotos findet man im Case-Report).

​Mit jeder Skalpell-Exzision besserten sich die entzündlichen Hautveränderungen und die Erythrodermie ging zum Glück zurück.

​Allerdings blieben Anhidrose und Haarausfall zunächst bestehen, und einige Monate später entwickelte sich dann zusätzlich noch Vitiligo.

​Später in der Behandlungs- und Therapieabfolge kamen moderne immunmodulierende Therapien zum Einsatz. Zunächst hochdosiertes Cyclosporin, unter dem die Haare wieder zu wachsen begannen und die Vitiligo sich stabilisierte.

Danach ein Wechsel auf den JAK-Inhibitor (lasst es uns Arzneistoff nennen) Baricitinib. Eine Pille mit der man Entzündungen und Immunabwehr steuern kann und was zu weiterer Haarregeneration und Stabilisierung der Vitiligo führte, während das fehlende Schwitzen bei dem armen Kerl unverändert blieb.

Das hier ist jetzt der eigentliche Grund, warum wir über den Fall schreiben. Der Patient hatte bereits vor seinem Tattoo eine Autoimmunerkrankung und zwar Hashimoto-Thyreoiditis (HT).

Eine Krankheit, bei der sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet und hierbei nun gegen die Schilddrüse. Selten, aber kommt vor, und dann zum größeren Teil eigentlich bei Frauen.

Entdeckt wurde das Krankheitsbild bereits 1912 in Berlin. Dass sein Namensgeber Hakaru Hashimoto nicht aus Kreuzberg, sondern aus Japan stammt und in der Medizin ein echtes Schwergewicht war/ ist, kann man im Archiv des Deutschen Ärzteblatts gerne mal nachlesen.

Bekannt und blöd ist allerdings, dass Menschen mit einer Autoimmunerkrankung ein erhöhtes Risiko haben, im Laufe des Lebens weitere Autoimmunerkrankungen zu entwickeln.

​Die Autoren des Fallberichts diskutieren, dass das Tattoo bei diesem Patienten möglicherweise als „Trigger“ in einem ohnehin autoimmun-sensiblen Immunsystem gewirkt hat.

Ein Tattoo ohne funktionierendes Lymphsystem funktioniert derweil wohl auch nur eingeschränkt.

Wahrscheinlich ist es also nicht nur die Tätowierfarbe allein, sondern die Kombination aus genetischer Veranlagung, bestehender Autoimmunität und externer Reizung durch das Tattoostechen, die zu diesem extremen Verlauf geführt hat. Wie in den meisten schwerwiegenden Fällen übrigens.

Auch wenn dieser Fall extrem selten ist, zeigt er eindrücklich, welche (wenn auch seltenen) Risiken mit Tattoos und besonders mit roter Tätowierfarbe (übrigens auch mit Tattoo-REACH) verbunden sein können.

Noch wichtiger dazu ist allerdings die Bedeutung der Einwilligungserklärung und des damit verbundenen Gesundheitsfragebogens (Anamnese) „vor“ der Tattoo-Session.

Ist hier irgendwo ein Kreuzchen bei „ja“ oder ein Medikament oder Krankheit aufgeführt, haltet bitte unbedingt Rücksprache und fragt im Zweifel eine Ärztin, einen Arzt oder in der Apotheke nach.

Und an die Tattoo-Kunden: Das Kästchen kreuzchenfrei zu lassen oder im Beratungsgespräch nicht die „ganze“ Wahrheit zu sagen, kann deutlich zu Euren Ungunsten verlaufen, wie man sieht!

Worauf Du achten solltest:

  • Bei bekannter Autoimmunerkrankung (z. B. Hashimoto, Vitiligo, Psoriasis, Rheuma, Lipödem, ff.) vor einem Tattoo eine fachärztliche dermatologische Beratung einholen.
  • Nach einem neuen Tattoo auf anhaltenden Juckreiz, Knötchen, Pusteln, Rötungen oder Schwellungen achten. Vor allem, wenn sie über Wochen bestehen bleiben oder sich ausbreiten.
  • Besonders bei Reaktionen im roten Bereich eines Tattoos frühzeitig dermatologische Hilfe suchen, bevor sich eine generalisierte Reaktion entwickelt.
  • Professionelle Tattoo-Studios wählen, die transparent mit den verwendeten Tattoo-Farben umgehen und Produkte nutzen, die den aktuellen EU Tattoo-REACH Vorgaben entsprechen.
  • Wer bereits starke Reaktionen im Tattoo-Bereich hat, sollte nicht eigenmächtig mit Laser, DIY Cover-ups (jaahaa, wir schreiben das nicht ohne Grund hierhin) oder aggressiven Cremes experimentieren, da dies die Reaktion verschlimmern oder neue Allergene entstehen lassen kann.

Tattoos sind für viele ein wichtiger Teil der eigenen Identität. Doch sie sind auch ein permanenter Eingriff ins Immunsystem. Der geschilderte Fall eines 36-jährigen Mannes mit Erythrodermie, totalem Haarausfall, Vitiligo und Anhidrose nach einem Tattoo mit roter Tätowierfarbe macht deutlich, wie massiv eine Fehlreaktion bzw. Tattoo-Komplikation ausfallen kann.

Wer ein Tattoo plant – insbesondere mit roter Tätowierfarbe aber auch darüber hinaus, oder bei bekannter Autoimmunerkrankung – sollte sich der möglichen Risiken bewusst sein, sich gut beraten lassen und auf Warnsignale seines Körpers achten.

So lässt sich das Risiko schwerer Tattoo-Komplikationen zwar nicht auf null senken, aber sehr deutlich reduzieren.

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