Tattoos & Krebs – die CRABAT-Studie (FRA)

Tattoos & Krebs – die CRABAT-Studie (FRA)

Nein, CRABAT ist nicht der Zauberlehrling aus Otfried Preußlers sorbischen Sage (1971). Der wird mit „K“ geschrieben. CRABAT steht für „Cancer Risk Attributable to the Body Art of Tattooing“ und ist ein fettes Forschungsprojekt der International Agency for Research on Cancer (IARC, Teil der WHO) zu möglichen Krebsrisiken durch Tätowierungen.

Bunt verzierte Haut ist nun längst kein Nischenphänomen mehr. Ob pubertierende Quitschies, die es kaum abwarten können sich der Nadelkunst endlich hingeben zu dürfen, oder Omi, die im Lebensherbst nochmal kurz den Rollator vor dem Tattoo-Studio abparkt.

Dazwischen auch alle. Jedenfalls fast 40 % der unter 40-Jährigen in wohlhabenden Ländern sollen es sein, die heutzutage mindestens ein Tattoo tragen. Darunter gibt es auch Wissenschaftler und Mediziner, die sich schon vor einiger Zeit fragten, was eigentlich langfristig mit der Tätowierfarbe im Körper passieren könnte?

Wir erinnern uns.

Schweden: Eine Fall-Kontroll-Studie mit 1.398 Lymphom-Fällen und 4.193 Kontrollen (nicht 11.905, sonder 5.591 Studien-Teilnehmer!!) zeigte bei den 294 Fällen, dass tätowierte Personen ein um 21% höheres Risiko für maligne Lymphome hätten. Besonders auffällig waren die ersten zwei Jahre nach dem Tätowieren sowie ein erneuter Anstieg etwa ab dem elften Jahr.

Wir hatten über die Ergebnisse der Nielsen et al. Studie (Mai 2024) hier im Blog ausführlich berichtet >>

Dänemark: In dieser Fall-Kontroll-Zwillingsstudie, die 316 Tätowierte mit unterschiedlichen Tattoo-Größen verglich, zeigte sich, dass größere Tattoos (mehr als eine Handfläche) mit einem deutlich erhöhten Risiko für Hautkrebs (HR ≈ 2,4) und Lymphome (HR ≈ 2,7) einhergehen sollen.

Auch die dänische Zwillingsstudie von Clemmensen et al. ( März 2025) hatten wir unsererseits im Blog eingeordnet >>

Beide Studien – abgesehen von der statistischen Rumjustiererei – lieferten wichtige Hinweise. Allerdings basieren sie alle auf retrospektiven (rückblickenden) Designs. Man sammelt also Daten aus der Vergangenheit und wertet sie aus, was man findet.

Für wirklich belastbare Erkenntnisse braucht es hingegen prospektive (vorrausschauende), Langzeit-Beobachtungsstudien mit selbst festgelegten Abfragen von Daten, die man haben will und braucht und genau hier kommt CRABAT ins Spiel.

Sie ist derzeit eine der größten prospektiven Kohorten-Studien weltweit zu möglichen Krebsrisiken durch Tätowierungen.

CRABAT steht für Cancer Risk Attributable to the Body Art of Tattooing und wird von der International Agency for Research on Cancer (IARC) koordiniert.

Sie ist in die französische Constances-Kohorte eingebettet. Eine seit 2012 laufende Gesundheitsstudie mit über 200.000 Erwachsene in Frankreich.

Hieran nehmen insgesamt 114.423 Personen mit bekannten Tattoo-Informationen teil. Davon sind 13.239 tätowiert und 101.184 untätowiert.

Enthalten sind hierbei detaillierte Tattoo-Daten aus einem speziell konzipierten EpiTAT-Fragebogen von 7.928 Studien-Teilnehmern.

Das Epidemiological Tattoo Assessment Tool (EpiTAT) erfasst dabei nicht nur „ob“ jemand tätowiert ist, sondern auch die Tattoo-Größe und -Fläche, Farben und Füllgrad, Körperstellen, Zeitpunkt, ff. und Ort der Anbringung, den Tattoo-Artist (Studio, privat oder traditionell), Komplikationen, Nebenwirkungen und eventuelle Tattooentfernungen.

Wer den kürzlich im International Journal of Epidemiology (Oxford University Press) erschienen Artikel über CRABAT mal lesen möchte, findet hier den Link mit Open-Access >>

Mit einmal Fragebogen ausfüllen ist es bei der CRABAT-Studie nicht getan. CRABAT will es richtig wissen und beobachtet seine Kohorte über einen langen Zeitraum und das auch nicht alleine.

Klingt gruselig, ist aber wirklich sehr cool und seriös. Die Teilnehmer erhalten dabei jährliche Check-ups über Lebensstil, Gesundheit, neue Tattoos, ff. und geben glücklicher Weise bereitwillig Auskunft. Krebsneuerkrankungen können über diesen 12 Monatsrhythmus natürlich ebenfalls registriert und nachverfolgt werden.

Dazu kommt alle 5 Jahre eine medizinische Untersuchung, die mit Daten aus der nationalen Constances Gesundheitsdatenbank (Diagnosen, Krankenhausaufenthalte, Arzneimittel) in Frankreich verknüpft ist.

Ein zweiter großer Tattoo-Check ist innerhalb von CRABAT für 2030 geplant.

Die Krebsrisiko-Analysen starten leider erst 2027. Aber bereits jetzt lassen sich interessante Muster erkennen. Diese besagen bis hierhin, dass Tätowierte im Schnitt jünger, häufiger weiblich, oft mit niedrigerem Einkommen und Bildungsabschluss ausgestattet sind (Demografie). In Frankreich, Leute. In Frankreich!!

Beim Lebensstil gehören Rauchen, Alkohol- und Cannabis-Konsum häufiger zum Tattoo dazu. (Ah, bon! Et la baguette?)

Bei den Tattoo-Merkmalen zeichnet sich ab, dass die durchschnittliche Motiv-Größe bei rund einer Handfläche (~152 cm²) liegt. Arme und Schultern sind am häufigsten tätowiert (Männer 77 %, Frauen 61 %), gefolgt von Rumpf und Beinen. Fast die Hälfte der Teilnehmer ist seit über 15 Jahren tätowiert, wobei der Anteil der Männer höher ist als der der Frauen.

Wovon viele Bauchgefühle eh schon ausgingen, und die Black-Tattoo-Ink-Zapfsäule sicherlich bestätigt, sind 90 % der Tätowierungen schwarzgrau. Gefolgt von Blau, Grün, Rot, Gelb und Orange.

Was fällt auf? Kein Braun. Permanent Make-up kommt wohl nicht vor.

Was uns wirklich freut aber doch auch erstaunt, ist, dass nur unter 5 % der Befragten von Tattoo-Komplikationen bzw. Nebenwirkungen berichten (z. B. Allergien und schlechte Wundheilung).

Dazu soll unser Hauptthema Tattooentfernung mit 1,7% sehr selten vorkommen. Dabei scheint das entfernte Tattoo-Areal in der Regel kleiner als die Fläche einer Hand zu sein. Mehr als 10 % berichten derweil von Nebenwirkungen. Die Franzosen sind laut CRABAT auf jeden Fall Tattoo-stabil. Wir machen hier aber mal ein dickes Fragezeichen dran, denn den französischen Laser-Docs ist auch nicht langweilig.

Beim Thema Sonnenschutz muss allerdings mehr getan werden. Hier geben 38% der interviewten Männer an ihre Tätowierungen gar nicht zu schützen. Dies ist ein potenzieller Risikofaktor für Hautschäden!

Spannend ist auch die Erkenntnis über den Entstehungsort der Tätowierung. Rund 15 % der tätowierten Franzosen geben an im Ausland gestochen worden zu sein. Häufig in Nachbarländern oder populären Reisezielen wie Thailand und Nordamerika.

Für Mediziner, mittlerweile verschiedenster Fachrichtungen, sollten Tattoos gerade in der Anamnese verstärkt berücksichtigt werden. Besonders natürlich bei Lymphknoten- oder Hautbefunden.

Pigmentbestandteile aus Tätowierfarben und mögliche systemische Wirkungen sind ein vereinzelt aufkommendes Thema über die Dermatologie und Plastisch-Ästhetischen Chirurgie hinaus, von der Onkologie (Krebs), Neurologie (Nerven) bis hin in die Ophthalmologie (Augenheilkunde).

Für Tätowiererinnen und Tätowierer sind derweil hygienische Standards (z.B. DIN EN 17169) und REACH-konforme Tätowierfarben zentrale Qualitätsmerkmale ihrer europäischen Arbeiten. Wer es anders handhabt, könnte CRABAT füttern.

Aufklärung über Sonnenschutz und mögliche Spätfolgen kann die Kundenbindung fördern und Sicherheit erhöhen.

Das Thema der Dokumentation von Farben, Hersteller, Verwendungsdatum und Co. wird auch in Bezug auch spätere medizinische Nachfragen immer relevanter und könnte sicherlich ausgebaut werden. Dies alles gilt auch zum Selbstschutz der Artists und Studios.

Was in diesem Zuge aber wirklich lesenswert ist – auch wenn es noch unter „review“ steht – ist das um 4 Mal höhere Risiko an Hepatits-Fällen (bereinigt), bei Tattoo-Neubesitzern, die sich außerhalb von professionellen Tattoo-Studios haben verzieren lassen. Das ist heftig!

CRABATs Stärken liegen sicherlich auf der Hand. Vor allen Dingen mit Blick auf die oben erwähnten beiden Skandinavia-Studien und Ihren Teilnehmerzahlen. CRABAT ist aktuell die größte Tattoo-Kohorte weltweit mit sehr detaillierten Daten aus dem EpiTAT.

Eine der größten Stärken von CRABAT besteht natürlich darin, dass es in die französische Constances-Kohorte eingebaut ist. Hierüber lassen sich umfangreiche ergänzende Daten verknüpfen und eine langfristige, prospektive Nachbeobachtung durchführen.

Diese Verknüpfung der individuellen Datensätze mit der nationalen Krankenversicherung gewährleistet zudem objektive Daten zu den Gesundheitsergebnissen. Stelle sich nur mal einer vor, das Tattoo stünde in der Deutschen ePA. Jesses!

CRABAT hat aber auch seine Grenzen. Die getätigten Selbstangaben könnten teilweise ungenau sein (angefangen bei der Tattoo-Größe bis hin zu Aussagen über den Lebenstil).

Studienteilnehmende sind durch den stetigen Gesundheits-Check-up, so hat sich herausgestellt, übrigens tendenziell gesünder als der Bevölkerungsdurchschnitt. Gruß an die Vorsorge-Untersuchung an dieser Stelle.

Wie sich das final auf die Ergebnisse in der Zukunft auswirken könnte, kann man nur mutmaßen. Aber dafür gibt es statistische Mechanismen, die das bereinigen können.

Geplant ist, wie erwähnt, ab 2027 erste prospektive Analysen zu Lymphomen und Hautkrebs in Verbindung mit Tätowierungen zu veröffentlichen. Die Ergebnisse könnten, wie schon bei den Studien aus Schweden und Dänemark, sicherlich neue Diskussionen anstoßen.

Der Unterschied zu S & DK ist, dass CRABAT (FRA) durch sein Studien-Design deutlich belastbarere Daten liefert. Diese können übrigens beides sein: Gut und nicht so gut. Dafür aber ehrlich!

4 Gedanken zu “Tattoos & Krebs – die CRABAT-Studie (FRA)

    1. Hi liebe Navena,

      mir glüht gerade die Synapse. Vom bunten Lymphknoten (wenn Tsokos keine da gelassen hat, ruf mal Wolfi Bäumler an) bis zu … ja was denn eigentlich?

      Oder möchtest Du CRABAT/ Tattoo inK zeigen?

      Liebe Grüße.

  1. Spannend! Danke für euren kurzweiligen Artikel hier zur Crabat Studie. Gibt es in Deutschland ähnliche Untersuchungen? Man hört immer nur von anderen Ländern. Gibts bei uns nicht auch genug tätowierte?

    1. Hallo Mia7603,

      danke, dass Du unseren Beitrag schon gelesen hast. Eine gute Frage von Dir. Danke auch dafür. Deutschland ist tatsächlich nicht untätig, wenn es um die Gesundheit seiner bunten Bürger geht. Ganz im Gegenteil sogar.

      Die NAKO Gesundheitsstudie, die man mit der Constances in Frankreich sehr gut vergleichen kann, hatte ein ähnliches Projekt zur Langzeitforschung ins Leben gerufen.

      „Tattoo inK“, wir hatten vor einiger Zeit auch über dieses Level-3-Projekt berichtet: https://doc-tattooentfernung.com/nako-projekt-tattoo-ink-forscht-an-langzeitfolgen-von-taetowierungen/

      Noch besser -> die beiden Projektleiterinnen Frau Dr. Lena Koch-Gallenkamp von Tattoo inK (Abk.: Tattoos in nationalen Kohorten) und Dr. Dipl. Psych. Milena Foerster, Epidemiologin bei der International Agency for Research on Cancer (IARC) und CRABAT arbeiten sehr eng zusammen.

      Wir finden es vor allen Dingen insofern cool, da die Befragungen der jeweiligen Kohorten (sogenannte Partner-Studien) in ihren Ländern bleiben aber die Daten natürlich im weiteren Verlauf miteinander verglichen als auch aufsummiert werden können.

      Zum Verständnis: Nur weil einer etwas für seine Landes-Bevölkerung herausfindet, kann man das nicht automatisch auf andere Länder noch die Allgemeinheit und deren sehr unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und -umstände spiegeln. Sonst hätten wir auch alle die gleiche Hautfarbe.

      CRABAT ist allerdings schon etwas weiter als Tattoo inK. Vor allen Dingen, was die Daten-Auswertungen betrifft. Es bleibt jedenfalls spannend!

      Viele Grüße

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