Tattoo und Religion – Was ist erlaubt und was nicht?

Tattoo und Religion – Was ist erlaubt und was nicht?
Tätowierung Wissenswertes

Die Frage, wie es mit der Vereinbarkeit von Religion und Tätowierungen (und anderen Body Modifications) aussieht, beschäftigt naturgemäß religiöse Menschen, die sich unsicher sind. Anders gesagt: Wer seine Religion privat deutet, wie das in den westlichen Kulturen mehrheitlich der Fall ist, hat hier kein Religionsproblem, sondern eher eines der sozialen Verträglichkeit.

Mit Buddha ins Kittchen!

Im April 2014 ging eine kuriose Meldung durch die Medien, nämlich der Fall einer britischen Touristin in Sri Lanka, die nicht viel mehr von Land und Leuten zu sehen bekam als Flughafen, Arrestzelle und Gericht: Sie hat eine Buddha-Tätowierung auf dem rechten Oberarm, und das ist im buddhistischen Sri Lanka offensichtlich ein No-Go. Auch ihre Beteuerung, praktizierende Buddhistin zu sein, fand kein Gehör. Es ging zurück nach Großbritannien.

Wir lernen: Alle mit Buddha auf der Haut, die nach Sri Lanka (oder auch Tibet) auswandern möchten, sollten beim Laserdermatologen eine Zwischenstation einlegen! Drum prüfe, wer sich ewig bindet: Die Entscheidung für ein Motiv ist nicht allein eine ästhetische Angelegenheit, siehe hierzu auch den Blogbeitrag Tätowierung und Beruf – Hate me now and thank me later!

Tattoos in Buddhismus und Hinduismus

Freilich wurde die Trägerin hier für das Motiv und nicht wegen Tätowierung bestraft. Die buddhistischen Lebensgrundsätze sind für sich genommen recht allgemein und auslegungsfähig – das macht die Weltanschauung aber nicht per se zu einer freiheitlichen und toleranten, sondern erlaubt genauso eine Strenge, wie unsere englische Touristin sie zu spüren bekam. Der Buddhismus ist vielgestaltig und enthält immer lokale Elemente. Das kann man am aktuellen Trend des Yak Sant-Tattoos sehen, das eine ursprünglich kambodschanische Tradition mit buddhistischen Elementen verbindet. In einem thailändischen Weiler kann man sich für eine Packung Menthol-Zigaretten und ein paar Dreingaben von morgens ist abends die geometrischen Muster aus Schrift stechen lassen. (Schuld an alledem hat sowieso Angelina Jolie.)

Ähnlich nicht-verallgemeinerbar ist die Frage nach dem Tattoo in Bezug auf den Hinduismus: Die Tatsache, dass diverse Bildmotive oder die Inspiration zu Piercings und anderen Formen der Body Modification z. B. auf die rituellen Praktiken indischer Sadhus verweisen, heißt nicht, dass man dort die westliche Aneignung schätzt. Die angetragene Sympathiebekundung »Ich bin Euch nahe!« bekommt dann schon mal die Antwort: »Aber wir dir nicht.«

Zusammenfassend kann man sagen, dass dieses Durcheinander damit zusammenhängt, dass das »Dharma« (heißt: Recht, Sitte, Moral, Pflicht), auf das sich Buddhismus wie Hinduismus beziehen, eben eher als Weltauffassung funktioniert und nicht als Religion im uns geläufigen Sinne. Wer also immer noch fragt, ob Buddha oder der Name Ramas tätowiert werden darf, dem muss man leider antworten: Falsche Frage…

Tattoos in Judentum, Christentum und Islam

Klarer verhält es sich mit den monotheistischen (nur ein Gott und nicht viele) abrahamitischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam. Hier ist die Sache vorderhand klar geregelt: Verboten!

Um die Hintergründe zu klären: Mit der Herausbildung einer neuen religiösen Lehre besteht logischerweise Abgrenzungsbedarf. Gegenüber bestehenden Traditionen gibt es dann, wo man sie nicht ignorieren kann, zwei Möglichkeiten: Umdeutung oder Verbot. Das gilt dann auch für ältere Kulturtraditionen wie das Tätowieren (sogar der über 5200 alte Ötzi war schon tätowiert). Die Wüstenreligionen sind im Grundsatz strenge Veranstaltungen, wie die politisch radikalen Bewegungen der »Rückbesinnung« zu vermeintlichen Ursprüngen in allen drei Religionen zeigen – die Gesetze sind also eigentlich klar und deutlich. Eigentlich…

Judentum – Frag den Rabbi!

Rabbi Bar Nav beantwortet die Frage einer Schreiberin, ob sie sich zu Lebzeiten ihre Tätowierungen entfernen lassen müsste, um nach jüdischen Brauch beerdigt werden zu können wie folgt:

»Tatsächlich ist die Tätowierung sogar ausdrücklich in der Tora und nicht nur durch die Weisen verboten worden. Es heißt nämlich ›und eingeätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen‹ (3. Moses 19, 28). Daher ist das Tätowieren eine Sünde. Für derart begangene Sünden wird man vom Himmel bestraft, nicht jedoch von den Mitmenschen und schon gar nicht nach dem Tode. Auch wer Schweinefleisch isst, bekommt wie jeder andere Jude eine jüdisches Begräbnis.«

Christentum – Frag den Papst!

»787 n. Chr. wurden Tätowierungen durch Papst Hadrian I. in dem Konzil von Calcuth in Northumberland als heidnische Bräuche aus dem Kulturkreis des Christentums verbannt.«

Alles klar? Mitnichten! Das Papsttum ist eine römische Angelegenheit, die exklusive Stellvertretung Gottes wurde und wird bekanntlich nicht von allen Christen anerkannt. Einmal gibt es die orthodoxe Seite des Christentums – Byzanz war nämlich zeitweilig machtvoller als Rom. Außerdem die altorientalischen Christen und schließlich die Kirchen des östlichen Ritus. Und das sind nur die vorreformatorischen Filialen des Christentums! Heute ist die jüngere Reformationsbewegung, in deren Zug die freikirchlichen Bewegungen ihre je eigene Auffassung praktizieren, eine gewichtige Konkurrenz im Werben um die Schäfchen.

Christliche Tattoos?

So findet sich im koptischen Christentum die durchaus religiös motivierte Tätowierung eines (Henkel-)Kreuzes am rechten Handgelenk, auf dem Handrücken oder von vier Kreuzpunkten an der Fingerwurzel als Erkennungs- wie Bekenntniszeichen. Ebenso wurde unter Katholiken im muslimisch geprägten Bosnien früherer Tage Farbe unter die Haut gestochen. Gleiches gilt für orthodoxe Christen, nämlich als Beweis der Pilgerreise nach Jerusalem:

»Nach der Rückkehr begrüßt die ganze Familie den Pilger, in dem sie sein Tattoo küssen.«

Damit dürfte das Tätowierverbot bezogen auf die bunte Schar der Christenheit ein sehr schwaches sein, auch wenn sie sich alle auf das Neue Testament beziehen.

Tattoos im Islam?

Ausgehend von der Auffassung, dass Gott den Mensch in seiner Körperlichkeit schön genug erschaffen hat, sind dauerhafte Verschönerungen des Körpers gotteslästerlich – dementsprechend sind Tattoos haram, also tabu. Zeitweilige, wie z. B. mit Henna, dagegen sind erlaubt. Die Aufwertung des Jenseits gegenüber dem Leben hier und jetzt geht mit einer gewissen Verpflichtung der Bescheidenheit einher, die einer zuweilen heftigen sozialen Kontrolle unterliegt.

Das Gebot, die Schöpfung Gottes nicht zu verändern, gehört also zum durchgängigen Motiv in diesen drei Weltreligionen, wenn auch mit unterschiedlichen Konsequenzen für das praktische Leben.

Religion ist kompliziert!