Optoakustik für die Tattooentfernung: Neue Studie aus Madrid im Faktencheck

Optoakustik für die Tattooentfernung: Neue Studie aus Madrid im Faktencheck

Wer schon mal bei einer Laser-Tattooentfernung zugeschaut oder selbst eine mitgemacht hat, kennt das Bild. Der Laser-Doc schießt einen Test-Impuls auf eine kleine Stelle der tätowierten Haut, wartet auf das charakteristische Weißwerden (sogenanntes Frosting/ Whitening/ Popcorn-Effekt) und entscheidet nach Gefühl, ob Laser-Energie und Wellenlänge halbwegs passen. Das funktioniert seit mittlerweile einigen Jahrzehnten so, ist aber im Kern ein reines Trial-and-Error-Verfahren, das massiv von der Erfahrung und dem Fingerspitzengefühl des Laser-Anwenders abhängt.

Bei der Tattooentfernung ballern ehrlich gesagt alle auf gut Glück, denn keiner weiß in der Regel, was vor ihr oder ihm als Tattoo oder Permanent Make-up genau in der Haut seines Laser-Kunden steckt und wie dessen Haut und Organismus auf die Laserenergie reagiert.

Eine aktuelle Studie eines spanischen Forschungsteams der Universidad Autónoma de Madrid (UAM) stellt jetzt dazu die Frage:

Der Ansatz heißt Optoakustik (bzw. optoakustische Bildgebung) und die ersten klinischen Daten sind für uns interessant genug, um sich das mal genauer anzuschauen.

Die im Folgenden besprochene Arbeit ist ein sogenannter Preprint (eine Vorabversion) und noch nicht von unabhängigen Gutachtern überprüft. Die beiden hier enthaltenen klinischen Pilot-Studien arbeiten dabei mit sehr, sehr kleinen Fallzahlen (4 bzw. 10 Zonen/ tätowierte Hautareale).

Zudem ist der korrespondierende Autor Mitgründer der Firma hinter dem verwendeten Prototyp sowie Mitinhaber des zugehörigen Patents. Details dazu findet Ihr weiter unten. Wir wollten das nicht erst am Ende verstecken, sondern gleich mitliefern, bevor die Ergebnisse zu viel Eindruck machen.

Selektive Photothermolyse (SP), kennen alle dank R. Rox Anderson & John A. Parrish schon seit 1983 als das physikalische Prinzip hinter der Laser-Tattooentfernung. Die SP basiert dabei auf einem recht einfachen Mechanismus. Ein sehr kurzer, energiereicher Laserlicht-Impuls wird von Tattoo-Pigmenten stärker absorbiert als vom umliegenden Gewebe. Die dabei entstehende Wärmeenergie bleibt lokal begrenzt (Heat Confinement) und die Pigmentpartikel fragmentieren durch photothermischen und -mechanischen Stress.

Optoakustische Bildgebung (OI) nutzt exakt denselben physikalischen Grundmechanismus. Allerdings mit deutlich niedrigerer Energie (Mikrojoule statt hunderte Millijoule). Auch hier wird Licht absorbiert und Wärme deponiert. Das Gewebe dehnt sich minimal thermoelastisch aus und erzeugt eine Druckwelle, die per Ultraschallwandler erfasst wird. Man darf sich das vereinfacht wie einen Lautsprecher und ein Mikrofon in einem Gerät vorstellen. Aus dieser Welle lässt sich hierüber ein tiefenaufgelöstes Bild der Lichtabsorption rekonstruieren.

Oder kürzer ausgedrückt sind die SP und OI (das I steht übrigens für Image) laser-physikalisch zwei Intensitätsstufen desselben Prozesses. Genau diese Verwandtschaft macht die Idee der spanischen Wissenschaftler auch so plausibel. Dass ein optoakustisches OI-Signal etwas über das spätere SP-Ergebnis aussagen könnte, bevor überhaupt lasertherapeutisch behandelt und ein Tattoopigment entfernt wird.

Das Forscher-Team hat dafür ein selbst entwickeltes Handheld-System namens SOL (Single-Layer Optoacoustic) gebaut. Warum eigentlich nicht „SLO“? Eine Kombi aus einem Q-switched Nd:YAG Laser für die optische Anregung, einem planarem (flachen) Ultraschallwandler und einem Oszilloskop nebst Laptop mit Python-Auswertung. Nein, das ist kein zugelassenes Medizinprodukt, sondern ein Prototyp aus der Forschung.

SOL Single-Layer Optoacoustic Foto Copyright Sergio Contador et al. Development and Innovation Center Autonomous University of Madrid Spain for DocTattooentfernung 2026

Die Frage war, ob das SOL-Signal im Vorfeld aussagen kann, wie stark eine tätowierte Hautstelle unter Laserlicht-Impulsen reagiert?

Getestet wurden hierfür 10 tätowierte Hautstellen und 2 untätowierte Stellen zum Vergleich. Eine kleine Pilotgruppe und kein groß angelegtes Studienkollektiv.

Vor der eigentlichen Laserbehandlung mit einem 1064nm Pikosekunden Nd:YAG Laser (Pico Clear von Alma Lasers) wurde an jeder Stelle kurz das optoakustische Signal gemessen. Also quasi ein „Vorab-Scan“ gemacht, woraufhin die eigentliche Laserbehandlung zur Tattooentfernung gemacht wurde.

Das Ergebnis war, dass Stellen die hinterher sichtbar weiß wurden (Frosting/ Kavitationsblasen), vorher ein deutlich stärkeres Signal hatten als Stellen, die gar nicht reagierten.

In Zahlen ausgedrückt heißt das 43,72 ± 26,91 (Signalstärke, willkürliche Einheit) bei den Stellen mit Weißreaktion gegenüber nur 5,01 ± 1,18 bei den Stellen ohne Reaktion.

Das ist ein sehr klarer Unterschied und statistisch praktisch nicht durch Zufall erklärbar (p < 1×10⁻⁶). Übersetzt heißt es, dass das SOL-System schon vor dem Laserbeschuss „vorhersagen“ kann, welche Stelle stark reagiert.

Trotzdem muss man nochmal betonen, dass es bei nur 10 Testzonen zwar ein starkes erstes Indiz gibt, es aber noch kein Beweis dafür ist, der den breiten Praxiseinsatz rechtfertigt.

Wie schnell erholt sich die tätowierte Haut nach einem Laserschuss?

Hier ging es um die sogenannte R20-Methode, bei der Laserologen nach einem ersten Test-Laserimpuls normalerweise 20 Minuten warten, bevor erneut bzw. weiterbehandelt wird, weil das Abklingen der Kavitationsblasen (Frosting) so lange braucht.

Untersucht wurden 4 schwarz tätowierte Hautareale, an denen alle 3 Minuten über insgesamt 30 Minuten das optoakustische Signal gemessen wurde.

Direkt nach dem Laserschuss brach das Signal stark ein (das weißgraue Frosting blockierte/ reflektierte das Licht), erholte sich aber bei allen 4 Arealen schon nach 9 bis 12 Minuten spürbar. Das ist deutlich früher als die in der Praxis üblichen 20 Minuten.

Außerdem zeigte sich, dass je mehr Tattoo-Pigment durch die Behandlung tatsächlich entfernt wurde, desto schwächer blieb das Signal danach (ein sehr enger statistischer Zusammenhang: R² = 0,82, p < 1×10⁻⁶).

Wichtig für die Einordnung, gerade weil die Zahl beeindruckend aussieht, ist allerdings auch hier, dass es nur 4 verschiedene Hautareale mit jeweils 9 Wiederholungs-Messungen sind.

Statistisch also 4 unabhängige Fälle aber keine 36, die zur Berechnung herhielten. Bevor daraus eine neue Praxisempfehlung für R20 und Laser-Test-Impulse wird, braucht es also größere, unabhängige Patientengruppen.

Wer die spanische Optoakustik-Studie zur Tattooentfernung mal im Original (Open Access) lesen möchte, der findet sie über die gemeinnützige Forschungsplattform arXiv:

Zum Zusammenhang zwischen optoakustischer Bildgebung und selektiver Photothermolyse

Contador, Sergio, Rodrigo Rojo, Álvaro Jiménez and Juan Aguirre. Department of Electronic and Communications Technology, Medical Engineering, Development and Innovation Center, Autonomous University of Madrid, Spain.  “On the link between optoacoustic imaging and selective photothermolysis.” (2026). Kategorie: Medizinische Physik, arXiv. Licences by 4.0

Wir wissen, das jetzt viele vom voran geschriebenen erstmal ein Brausen auf den Augen haben ABER für die Laserologen liefert diese spannende Studie einen plausiblen Mechanismus, warum ein optoakustisches Vor-Signal mit dem klinischen Endpunkt korreliert. Das ist nicht nur eine statistische Assoziation, sondern physikalisch hergeleitet.

Zwei konkrete klinische Ansatzpunkte werden dazu von den spanischen Studien-Autoren zur Optoakustik Tattooentfernung diskutiert.

Wellenlängen-Selektion bei mehrfarbigen Tattoos, wo aktuell für jedes andersfarbige Hautareal eigentlich einzeln getestet werden muss/müsste. Das macht aktuell eh kaum jemand und zudem ist es selbst bei Lasersystemen mit mehreren Wellenlängen in der Ausstattung besonders mühsam und aufwändig.

Ein solches multispektrales SOL-System könnte laut dem Forscher-Team die optimale Wellenlänge pro Zone in unter einer Sekunde bestimmen. Das ist allerdings (noch) nicht gebaut, sondern bisher eine aus der Theorie abgeleitete Erwartung.

Interessant ist natürlich auch eine Verkürzung der R20-Wartezeit von 20 auf möglicherweise nur 9 bis 12 Minuten zwischen Test-Impuls und den Laserbehandlungen, wenn sich die Beobachtung in größeren Kohorten bestätigen ließe.

Für unsere bunte Tattoo-Bubble heißt das ganze Madrider Forschungs-Szenario kurz gesagt, dass potenziell kürzere Laser-Sessions und eine objektivere statt rein erfahrungsbasierte Einschätzung, wie stark ein tätowiertes Hautareal behandelt werden muss, in Aussicht stünde.

Das könnte theoretisch auch Risiken und Nebenwirkungen bei der Tattooentfernung mittels Laser senken, was die Studien-Autoren aber so nicht explizit untersucht haben.

Aktuell ist das aber Zukunftsmusik und kein verfügbares Verfahren beim Laser-Termin nächste Woche.

Hier handelt es sich um ein Preprint ohne Peer-Review. arXiv (Archiv) hat zwar Experten des jeweiligen Fachgebiets im Einsatz, die solche Paper-Einreichungen kontrollieren aber es ist nicht mit einer unabhängigen Begutachtung durch ein Gremium wie beim Peer-Review vergleichbar. Die Zahlen und Ergebnisse aus der Optoakustik-Tattooentfernung-Studie sind vielversprechend, aber bisher leider nur vorläufig.

Sehr kleine Stichproben. Studie 1 hat 10 Zonen (Hautareale) und Studie 2 hat 4 Zonen mit 9 Messzeitpunkten pro Zone im Blick. Das sind wiederholte, korrelierte Messungen an denselben 4 Patienten. Also keine 36 unabhängigen Datenpunkte, auch wenn die Statistik formal mit n=36 rechnet. Für belastbare klinische Empfehlungen braucht es natürlich größere, unabhängige Probanden-Gruppen (Kohorten).

Interessenkonflikt. Der korrespondierende Autor Juan Aguirre Bueno ist Gründer und Anteilseigner von Hypersensors-Medical. Er und sein Erstautor Sergio Contador sind Mitinhaber des Patents des SOL-Systems.

Laut Autorenangabe hat die Firma die Studie nicht finanziert. Bezahlt wurde sie über ein Madrid-Talento-Forschungs-Stipendium. Der Conflict-of-Interest (COI) ändert hier nichts an der physikalischen Herleitung, gehört aber vollständig auf den Tisch. Gerade wenn ein Patent-Inhaber die eigene Erfindung validiert.

SOL ist kein zugelassenes Produkt, sondern ein Laboraufbau. Bis daraus ein CE-zertifiziertes nach MDR zugelassenes Medizinprodukt für die Laser-Praxis wird, ist es noch ein weiter, langsamer und teurer Weg.

Die Grundidee ist physikalisch auch nach Rücksprache mit unserem Technical Advisory Board sauber hergeleitet und somit keine Fantasie. Optoakustik und selektive Photothermolyse sind zwei Energiestufen desselben Absorptions-Mechanismus. Die ersten klinischen Daten hier zeigen tatsächlich eine sehr deutliche Korrelation zwischen Vor-Signal und Behandlungsergebnis.

Das ist ein legitimer Proof-of-Concept mit Potenzial. Es ist aber leider kein fertiges Tool und keine Revolution, die morgen in der Laser-Praxis steht.

Wer die Entwicklung im Bereich Tattoo-Science und Lasertechnik im Blick behält, sollte sich SOL trotzdem merken. Genau aus solchen kleinen, methodisch sauberen Pilotstudien entstehen später die EBDs (Energy Based Devices), die in fünf Jahren Standard sein könnten.

Fragen zur Laserbehandlung, Tattooentfernung oder den neuesten Entwicklungen in der Tattoo-Science Abteilung? DocTattooentfernung versucht gerne Antworten für zu finden.

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